Die meisten Länder der Welt kennen sie gar nicht
Die Zeitumstellung ist kein globaler Standard — im Gegenteil. Von den rund 195 Ländern weltweit stellen nur etwa 70 die Uhren saisonal um, hauptsächlich in Europa, Nordamerika und einigen Teilen Australiens. Der Rest der Welt — darunter die bevölkerungsreichsten Länder der Erde — kommt ohne sie aus.
China, Indien und Japan zusammen beherbergen über drei Milliarden Menschen und haben allesamt keine Zeitumstellung. In diesen Ländern gilt das ganze Jahr über eine einheitliche Uhrzeit. Praktische Probleme, die europäische Politiker gerne als Argument für die Beibehaltung anführen, treten dort nicht auf.
Russland: Das große Experiment
Russland liefert das vielleicht interessanteste Beispiel. Das Land stellte 2011 unter Präsident Medwedew die Uhren dauerhaft auf Sommerzeit um — und erlebte, was Schlafmediziner vorhergesagt hatten: Die Bevölkerung litt besonders in den Wintermonaten erheblich unter dem späten Sonnenaufgang. In Moskau ging die Sonne im Dezember erst nach 10 Uhr auf.
Russlands Kehrtwende: Nach drei Jahren dauerhafter Sommerzeit drehte Russland 2014 zurück — diesmal auf dauerhafte Winterzeit. Präsident Putin begründete es offiziell mit dem Wohlbefinden der Bevölkerung. Seitdem gilt in Russland ganzjährig die Normalzeit.
Russlands Erfahrung gilt in der wissenschaftlichen Debatte als wichtiges Praxisbeispiel: Die dauerhafte Sommerzeit erwies sich als deutlich belastender als erwartet. Die dauerhafte Winterzeit wurde hingegen gut akzeptiert.
USA: Seit Jahren in der Diskussion
In den Vereinigten Staaten tobt seit Jahren eine intensive politische Debatte. 2022 verabschiedete der US-Senat sogar einstimmig den „Sunshine Protection Act", der die dauerhafte Sommerzeit einführen sollte — doch das Repräsentantenhaus blockierte das Gesetz. Mehrere Bundesstaaten, darunter Arizona und Hawaii, haben die Zeitumstellung bereits eigenständig abgeschafft und nutzen ganzjährig die Normalzeit.
Interessanterweise wollen auch in den USA vor allem die Bevölkerungen in Küstenregionen und Ballungszentren die Sommerzeit behalten — aus denselben Gründen wie in Europa: helle Abende im Sommer. Die Wissenschaft hingegen empfiehlt auch dort die Normalzeit.
Argentinien, Brasilien, Türkei
Auch Länder außerhalb der klassischen westlichen Welt haben die Zeitumstellung abgeschafft. Die Türkei stellte 2016 dauerhaft auf Sommerzeit um — ebenfalls mit gemischten Erfahrungen, da die Morgenstunden in den Wintermonaten sehr dunkel werden. Brasilien, das die Zeitumstellung jahrzehntelang in Teilen des Landes praktiziert hatte, schaffte sie 2019 vollständig ab. Argentinien hatte sie bereits 2008 aufgegeben.
Was Europa von anderen lernen kann
Das wichtigste Fazit aus dem internationalen Vergleich: Die Abschaffung der Zeitumstellung funktioniert — in Ländern jeder Größe, jeder Klimazone und jeder Wirtschaftsstruktur. Die oft genannten Befürchtungen über wirtschaftliche Nachteile oder gesellschaftliche Verwerfungen haben sich nirgendwo bestätigt.
Was sich jedoch bestätigt hat: Die Wahl der dauerhaften Zeit macht einen Unterschied. Länder, die dauerhaft auf Sommerzeit gesetzt haben, kämpfen mit dunklen Wintermorgen. Länder, die die Normalzeit beibehielten, berichten von höherer Zufriedenheit. Europa beobachtet — und wartet auf eine politische Einigung, die bisher ausbleibt.